Judith Siegmund :: Visual Art, Conceptual Art, Philosophy

Annelie Kubicek - Mutter der Luftschiffe


(DVD, 25 min) 2005


Judith Sigmund thematisiert im dokumentarischen Teil ihres Films den gesellschaftspolitischen Kontext der unglaublichen Geschichte des Cargo-Lifter-Projektes. Am Beispiel Cargo-Lifter wird versucht dem Phänomen der gescheiterten Großprojekte in der Region Brandenburg näher zu kommen. Verschiedene Standpunkte, wirtschaftspolitische, zukunftstechnologische, euphemistische und analytische Positionen dokumentieren und kommentieren den Verlauf der Cargolifterstory von der anfänglichen Begeisterung bis zur Insolvenz im Jahre 2002. Der Wirtschaftsminister, Carl von Gablenz, eine Gastwirtin aus Briesen, Aktionäre und Mitglieder der Initiative Zukunft in Brand e.V. (ein Verein der sich das Weiterführen der Leichter-als-Luft Technologie zum Ziel gesetzt hat) kommen zu Wort oder werden zitiert.
Der zweite Teil des Filmes ist fiktiv angelegt, konzentriert sich auf Annelie Kubicek, die Mutter der Luftschiffe, die die Zukunft der Leichter- als-Luft-Technologie repräsentiert. Annelie Kubicek ist eine fiktive Insiderin aus dem Osten, die in einem Interview, von ihren Erfahrungen als Maschinenbauingenieurin und Mitarbeiterin in der Marketingabteilung der Cargo-Lifter AG berichtet. In Nachtaktionen kopierte sie Pläne, erlernte komplizierte 3D Computerprogramme, führte Gespräche mit der Forschungsabteilung, eignete sich ein profundes Wissen über die Leichter-als-Luft-Technologie an. Sie analysiert technische Problemstellungen, kommentiert und beurteilt die Insolvenz der Cargo-Lifter AG, berichtet über Biographisches aus ihrer Studienzeit in der DDR und in der Sowjetunion und über die historisch tradierte Faszination von Zeppelinen. In diesem fiktiven Spektrum werden auch sozialistische Sozialisierungsprozesse und Forschungsbedingungen mit kapitalistischen konfrontiert und verglichen.
Überzeut von der energiesparenden, technologischen und kulturellen Nutzung von Luftschiffen als Transportmittel will Annelie Kubicek das Cargo-Lifter-Projekt weiterführen. Plan B für Brandenburg: Sie ist in der Lage alle gesammelten Forschungsergebnisse und Daten zusammenzufügen und auszuwerten, finanziert werden sollte alles – in Anlehnung an den Kulturpfenning in der DDR – mit dem Leichter-als-Luft-Cent. "Der steht für die Innovationsfähigkeit unsers Landes und für die Zukunftstechnologie, die es hier im Land zu entwickeln gibt." Weiters sollten noch nicht ausgeschöpfte Begeisterungspotentiale aktiviert werden, wie das Beispiel der 70.000 Kleinaktionäre beweist, von denen viele nach der Insolvenz die Aktien behalten haben.
Die Aufspaltung des Filmes in einen dokumentarischen und einen fiktiven Teil spiegelt eine reale, eine phantasmatische und eine subjektive Ebene der Cargo-Lifter-Story wider. Vor dem Hintergrund einer Ostbiographie wird von realem Scheitern und von phantasmatischer Begeisterung erzählt: vom Glauben ans kollektive Projektmodell, an die technische Umsetzbarkeit und an kapitalistische Wirtschaftssysteme. Judith Siegmund reinszeniert und demontiert sozialpolitische,historische und technologische Mythenkonstrukte, unter anderem den Luftschiff-Mythos, dem in Brand eine Lagerhalle der Begeisterung errichtet wurde.

Sabine Winkler